Frankfurt – Roßmarkt – Kunst oder Unfallgefahr?

Sie sind Frankfurter und kennen den Roßmarkt? Dann kennen Sie sicher auch die seit 2008 bestehende Neugestaltung mit dem weitläufigen U-förmigen Gebilde aus ansteigenden Stufen, in dessen Mitte sich das Gutenberg-Denkmal befindet. Es ist ein überaus schönes Konzept. Das Design stimmt, die Schlichtheit der Pflasterung aus Basaltsteinen mit den weiß-grau abgesetzten Stufen überzeugt. Und zwar denjenigen, der mit einer gewissen Portion Kunst-Affinität ausgestattet ist. So weit – so gut.

Nun stelle man sich vor, man ist ein schon etwas betagter Mensch mit einer entsprechend eingeschränkten Beweglichkeit und läuft von der Straße aus in Richtung Platzmitte. Plötzlich tritt man mit einem Fuß ins Leere. Das heißt nicht wirklich ins Leere, sondern nur etwa 5 cm tiefer. Ein Stück weiter rechts wären es vielleicht nur 3 oder 4 cm, ein Stück weiter links 6 cm und mehr.

Als jüngerer, sportlicher Mensch reagiert man sofort, entlastet das auf das konkrete Bein wirkende Körpergewicht und fängt mit Muskelkraft alles auf. Das klappt aber wohlgemerkt nur dann, wenn man ein ausreichendes Körpergefühl hat. Ich möchte nicht behaupten, dass so ein Körpergefühl allzu weit verbreitet ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Einer (in einem konkreten Fall) 76-jährigen, etwas seh- und gehbehinderten Dame geht es anders. Sie kann sich nicht auffangen, stürzt und erleidet schwere Verletzungen im Schulter- und Armbereich, sowie einen Rippenbruch. Der Heilungsverlauf ist kompliziert und geradezu endlos, der Schaden (nicht zuletzt für die Krankenversicherung und somit die Versichertengemeinschaft) groß.

Betrachtet man den Unfallort, ist man irritiert. Was ist das eigentlich? Handelt es sich um eine „Stufe“? Wenn ja – wo hat sie begonnen? Ist sie schon an der Stelle eine Stufe, wo der Höhenunterschied gerade mal einen halben Zentimeter beträgt? Viele Meter weiter links wird daraus tatsächlich eine „normale“ Stufe. Ja sogar mehrere! Aber weiter rechts ist es keine Stufe, sondern eher eine Art „Stolperfalle“. Das Entscheidende ist nämlich, dass man – je nach dem, wo man das Gebilde überquert – nicht einmal wahrnimmt, dass sich dort eine Stufe oder eine Art „kleine Stufe“ befindet.

So sieht es dort aus:

Der Roßmarkt in Frankfurt

Laufrichtung der älteren Dame. Sie sah nur einen weißen Streifen vor sich.

Roßmarkt in Frankfurt

Allmählich und flach ansteigender Höhenunterschied, der insbesondere von älteren Leuten locker übersehen wird.

Die Gedanken schweifen in Richtung „Verkehrssicherungspflicht“. Davon hat schon jeder mal gehört. Und man erinnert sich an die unzähligen weiß-roten oder gelb-schwarzen Markierungsstreifen z.B. an Treppenabgängen oder gar Treppenstufen, obwohl man sie eigentlich für überflüssig hält. Denn jeder weiß, dass eine Treppe eben aus Treppenstufen besteht. Warum also, denkt man sich, wird eine solche allmählich abfallende oder ansteigende „Stufe“ nicht erst recht markiert?! Ach ja, klar, das geht nicht! Man kann das schöne Design des Platzes doch nicht durch hässliche Markierungsstreifen verunstalten! Kann etwa der breite weiß-graue Streifen diese Funktion erfüllen? Nein! Man kann nicht erwarten, dass jeder einen etwas über einen halben Meter breiten Streifen dahingehend interpretiert, dass sich dahinter eine Stufe befindet. Zumal wenn dieser selbe Streifen schon dort anfängt, wo noch gar keine wahrnehmbare Stufe vorhanden ist.

Man stellt sich vor, wie es denn wäre, würde man irgendwo eine kurze Treppe bauen, die etwa – künstlerisch wertvoll – mit versetzt von einer Seite zur anderen ansteigender Stufenhöhe ausgestattet wäre. Keine Baubehörde würde so etwas genehmigen! Oder wenn, dann nur zum Anschauen, aber nicht zum Begehen.

Also ein klarer Fall von Verletzung der Verkehrssicherungspflicht durch die Stadt Frankfurt? Der Gedanke ist naheliegend. Doch die Stadt sagt: „Selber schuld!“ Wenn die ältere Dame so unvorsichtig sei und die Stufe nicht wahrnehme, dann habe sie den Unfall fahrlässigerweise selbst verschuldet. Schadensersatz gibt’s nicht!

Man will es nicht glauben und zieht – zwangsläufig – vors Gericht. Und kommt aus dem Stauen nicht heraus: Sowohl das Landgericht als auch das Oberlandesgericht Frankfurt sagen: „Selber schuld!“ So geschehen im Frühjahr 2012.

Irgendwie kennt man da ganz andere Entscheidungen, gerade beim Thema „Verkehrssicherungspflicht“ – nämlich zu Gunsten des Bürgers.

Ob die beiden Gerichtsinstanzen sich vielleicht nur scheuten, der Stadt Frankfurt die Gefährlichkeit eines solchen Bauwerks vor Augen zu führen? Gewiss, im Falle einer Verurteilung kämen auf die Stadt horrende Kosten zu. Nicht wegen des Schadensersatzes an die ältere Dame, denn dafür hat die Stadt schließlich eine Versicherung. Sondern wegen der dann notwendigen Umbaukosten und des mit dem maßgebenden Architekten und Künstler zu führenden Streits. Also hat man sich wohl lieber darauf festgelegt, die ältere Dame sei selbst schuld.

Hat jemand mit diesem Bauwerk ebenfalls negative Erfahrungen gemacht? Über Zuschriften in Form von Kommentaren würde ich mich freuen. Nicht wegen des konkreten Falles; dieser ist nun rechtskräftig abgeschlossen, man kann nichts mehr machen. Sondern wegen des Erfahrungsaustauschs und um die Stadt vielleicht irgendwann dazu zu bewegen, etwas zur Vermeidung dortiger Unfälle zu unternehmen.